Vorwort

 


Dem Seher, Dichter, Spagyriker und Alchymisten
Freiherr Alexander von Bernus
und
Freifrau Isa von Bernus
gewidmet.


 

Erdenchance

Lange waren wir nicht da,
Zeit verströmend und vergessen,
unser Geist war lange nicht klar,
wir sind den Illussionen aufgesessen.

Emotionen, wild und kreischend,
der Selbsterfüllung Eigenzweck,
nach der letzten Chance heischend,
warfen wir das Leben weg.

Triefen nass und sich verdichtend,
ist es rauh und ist es kalt,
alte Seelen sich aufrichtend,
wissend, der eigenen Chance bald.

Der neue Geist im Winde säuselnd,
spiegelnd auf des Wassers Haut,
Feuer jagend über heilige Erde,
eine neue Welt es baut.

Flügelschlagend finden sicher,
emotionenfrei und still,
der Federn Geist wird immer frischer,
finden doch das wahre Bild.

Berühren, fühlen, öffnen Herzen,
verbunden mit dem großen Geist,
wandeln sich alle tiefen Schmerzen,
wohl wissend, was Ehre und Freiheit heißt.

Es ist jetzt, diese Sekunde fängt zu klingen,
wir sind hier, unsere Musik und unsere Stimmen,
wir finden es,
den ewigen Kreis und das heilige Singen,
vorbei, das war, es fängt an zu klingen.

Erdengebären

Empfange im Kreis das heilige Licht,
bringe mich ein ins Ganze,
lade die Wahrheit zu mir ein,
und tanze, tanze, tanze.

Rufe die Erde, höre den Ton,
sauge ihn in meine Stille,
mein Atem die Luft nicht mehr bewegt,
erlöse dich, mein letzter Wille.

Lasse los, die letzte liebende Hand,
freier Fall in tiefschwarze Nacht,
ich entbinde alle Angst, Schuld und Scham,
ich habe euch alle entmacht.

Genieße meinen letzten Atemzug,
der Empfänger bin gerade noch ich,
mein Geist die weiten Gefilde sucht,
und haucht schon in einem anderen ich.

So bin ich das andere, was ich selbst bin,
nur gerade ein Wimpernschlag entfernt,
und atme als das andere aus,
als ob das eine das andere gewählt.

Ich weiss, was kommt von ganz weit her,
ich höre, was gar nicht gesagt,
nicht war oder ist von etwas getrennt,
die Wahrheit bringt es an den Tag.

Sie lacht dem Leben den Tod herbei,
und dreht den Spieß gleich wieder um,
es ist ihr sozusagen einerlei,
und dreht sich ganz langsam zu mir um.

Schau mir ins Gesicht, ich bin’s, die Wahrheit nur,
Leben und Tod an mir vorbeizischt,
bin die Silberbrücke und deine goldene Schnur,
so schnell, dass alles verwischt.

Ich putze den Nebel von Auge und Gesicht,
und sehe mein eigenes Gebären,
die Wahrheit ruft, vergiss mich nicht,
Menschenkind, was wir nur ohne dich wären.

Wieder, wieder und wieder,
empfange ich im Kreis das heilige Licht,
bring mich wieder ein ins Ganze,
lade die Wahrheit zu mir ein
und tanze, tanze, tanze.

Erdengesang

Du wähltest diesen Weg,
aus Mittelerde kommst du her,
so viele Monde stiller Leere,
vorbei die Trauer, vorbei die Wehr.

Das Licht drang zu dir,
in den dunklen Tagen,
gleich einem Samen und flüstert:
du kannst es wagen.

Einem Selbstschwur gleich,
deine Stimme erschall,
ich geh den Menschenweg,
es drang durchs ganze Weltenall.

Du öffnest heilige Erdentore,
auf des Lichtes wellenreitendem Wind,
bist wieder hierher gekommen,
wieder ein Erdenkind.

Wir wünschen dir nichts,
deine Seele kennt das Ziel,
wir heißen dich willkommen
in diesem Erdenspiel.

So ist das Einzige,
was wir dir schenken,
deine Ankunft in lichten Bahnen zu lenken,
so dass dein Herz und deine Seele,
in Freiheit nun ihr Leben wähle !

Dass wir hier sind, dich zu empfangen,
folgt einst gesprochenen Worten,
die im Heute
ihr Materiekleid erlangen.

Hier schließt sich ein Kreis,
der damals begann,
es grüßt dich, Erdenkind,
der Erdengesang.

Es umhüllen dich Töne,
es singt sich der Sinn,
es webt sich das Licht,
vergiss die Quelle und die Wahrheit nicht.

Lebe und finde,
folge der Erde blind,
und denke immer daran,
wenn du still bist,
hörst du den Erdengesang!

Erdenehen

Zwei scheinbar getrennte Wege,
streben unaufhaltsam aufeinander zu,
zwei Seelen im Menschen werden,
gesellen gegenseitig die Lösung dazu.

Bedingen einander sich wie Vasallen,
jeder dem anderen untergebenes Pfand,
schweben Emotionen über gemeinsame Wege,
rufen die Schemen ins eigene Seelengewand.

Die Tat pulsiert, Wogen der Wärme,
schwelgen in triefender Malerei,
und nähren den Wurm und die Häme,
im Holz der tragenden Staffelei.

Der Wunsch gebärt sich in Linien und Farben,
ist wirklich geschaut das tragende Fundament,
zeigt das Holz unerlöste Seelennarben,
welche Wunden klaffen noch im Seelensediment?

Fehlt die Wahrheit an der Stelle der Entscheidung,
trägt das Leben die Seele ans Schafott,
zu schneiden die Muster menschlicher Qualen,
und führt die Illusionen in den Bankrott.

Bis die Augen sich selbst im anderen sehen,
bis die Seelen sich einander gestellt,
ob sie selbst sich im anderen erkennen,
und ob das Fundament richtig gewählt.

So schleppt sich die Wahrheit durch menschliche Nebel,
der Fährmann des Schweigens verdient prächtig sein Geld,
und kommen sie immer zur gleichen Stelle,
die Grundlage ist nicht richtig gewählt.

So dauert es Jahre, Äonen oder Tage,
bis der Seelenzustand in entscheidender Stund’
sein Pfand verlangt als sein eigener Vasalle,
wie die Gesetze des Lebens tun kund.

Der Feind der Wahrheit sind der Besitz und die Dauer,
ist der Schein, die Angst, Schuld und die Scham,
doch liebt das Leben jede Verbindung,
wird sie auch oft als Chance vertan.

Das Leben trennt und verbindet,
solange die Seele noch irrt,
bis sie es in sich findet
und das Materiekleid verliert.

So schau dem Fährmann in die Augen,
ob du sie oft schon gesehen,
so prüfe den Weg deines Lebens,
du kannst immer wählen … und gehen.

Erdenberührung

Ich sehnte mir eine Berührung,
sanfte Wellen, lautloser Raum,
zart sich streichelnde Stille,
nie endender, selbsterschaffener Traum.

Habe Angst vor meinem Begehren,
in dem das Sehnen die Sucht selbst ist,
mein Verlangen wird meinen Tod gebären,
ob es meine Seele auffrisst?

Endlos nicht endende Schmerzen,
verweigertes Selbst gefangen im Hier,
bin nicht frei von Emotionen,ich kann noch nicht zu dir.

Zu dir, der andere Teil,
in lichten Farben,
trägst unbekannte Lebensfrüchte Gaben,
mein Herz ist blind dafür.

Jeder Wunsch in mir ist vergeudetes Saugen,
verweigertes Sein, als hätte ich nie gelebt,
flutet den Schein und nährt meiner Illusion Glauben,
dass es wahr und rein ist, wenn ich dich begehrt.

So schreie ich lautlos und forme die Bitte,
gebäre in mir das „Sein“ ohne ein einzig Begehr,
verwandle all mein Sehnen in den Atem der Mitte,
in mir sei, was in dieser Sekunde wär.

Nun lehre meine Haut das „Berühren“,
und lehre meine Augen zu „sehen“,
meine Sinne werden zur Regenbogenbrücke,
endlich kann ich zu dir gehen.

Gehen, fließen, aneinander,
entkörpert berühren sich der Seelen zwei,
der Geist löst auf sich ineinander,
die Zeit der Trennung ist vorbei.

Nicht du, nicht ich, es ist vollbracht,
einst haben wir es geschworen,
unsere Herzen hören den Weltengesang,
er ist der Schlüssel für meine Ohren.

So kann der Weltengesang mich führen,
erhebt er meinen Geist zur klaren Quell,
nun endlich kann ich dich berühren,
dein Licht ganz klar, unendlich hell.

Erdenwesen

Du hast die Gabe,
der Weltenwinde rufen dir,
vernarbtes, blutendes Wesen, nicht verzage,
stellst nie eine Frage warum, wofür?

Hast dich hingegeben, unzählige Zeiten,
pressen deine Wehen auch den letzten Lebenshauch,
es naht der Tod, doch es kann sich weiten,
wir bringen dich zurück in deiner Mutter Bauch.

Erinnere dich, berühre die Nebel,
lange schon vor Golgatha,
fiel die Lüge in des Kreises Mitte,
und zeugte im Schein das War.

Unumwunden, unaufhaltsam,
gebar es Trennung, getrenntes Ich,
getrennte Augen, getrennte Herzen,
plötzlich gab es ich und dich.

Gab es Sonne, Mond und Sterne,
gab es Weit und gab es Nah,
erquickendes Bächlein und blutverschmierte Häme,
unvorstellbar war das War.

Unvorstellbar ist der Schein,
heute, hier und überall,
Erdenfrau, wir rufen dich,
wir wandeln alle deine Qual.

Wir frieren, keuschen, schwitzen, dampfen,
als wär es unser letzter Atemzug,
unser Herz ist offen, voller Liebe,
trink aus unserem Lebenskrug.

Kein Stein der Weisen, kein alchimistisch Gold
kann dich heilen, Erdenfrau,
nur wahre Liebe, bedingungslos Hin-sich-Geben,
nun schau doch, Erdenfrau, schau.

Erlös das Getrennte, wirf ab alle Last,
heilt ihr Wunden, beendet die Hast.

Wir singen das Licht, hörst du den Ton,
wir berühren dein Herz, lauschst du dem Raunen schon.
Ein unsichtbares Licht führt uns an einen Platz,
hier finden wir den Weltenschatz.

Frauen, die fühlen und handeln
wie die Erde im Sein,
Männer, gleich einem Sonnenstrahl rein,
wandeln allen Kummer und Schmerz,
eine Frau, ein Mann, ein Herz.

Ein Herz, ein Mann, eine Frau,
heile, Mutter, Erde, Erdenfrau,
heile, Mann, der einst das Lied der Sonne sang.

Erdentanz

Die Körper vernehmen die Töne,
gesendet aus tief dunkler Nacht,
ein zerstörerisches, gestammeltes Gestöhne,
kein einziges Licht durch sie erwacht.

Sie sind einsam, haltlos getrieben,
wollen die gefiederte Schlange erwecken,
gepuderte Affen in Clownkostümen
lassen gnadenlos das Leben verrecken.

Sprudeln aus Quellen verarmter Gefühle,
triefen aus selig machendem Schein,
bilden millionenfach zerstörende Geschwüre,
lassen meuchelnd sich und die Erde allein.

Singen von Ehre und brausen auf zum Getöse,
gaukeln ständig eine helfende Hand,
ein jeder Ton trägt Faden und Öse,
haben sich selbst darin verrannt.

Können nicht öffnen verlogene Türen,
weben noch mehr Knoten ins würgende Netz,
halten nicht mal das Gewicht einer Fliege,
nagen an jedem Erdengesetz.

Sammeln sich unentrinnbar zum Grande Finale,
folgen jeder Dummheit und dem, der sie sprach,
wie Armeen wild entschlossener Stiere,
das Herz im Visier rot, und es zerbrach.

Eine Sinfonie von strömendem Blute,
jeder Tropfen ein einzigartiger Ton,
am Ende formt jede menschliche Schnute
fast lautlos: „Ich wusste davon.“

Von dem, was getan werden sollte,
von dem Wort, wenn es lebt, alles durchdringt,
von der Sinfonie, die das Leben erschaffte,
von dem Traum, den die Erde singt.

Von dem Tanz, den in lautloser Stille
nur ein Erdenherz tanzen kann,
lässt fließen das eine Licht in der Fülle,
damit fängt das Menschenherz erst zu schlagen an.

Im Erdentakt deine Augen werden sehen,
wirst hören, was du immer gewusst,
deine Hände können neu berühren,
kein Wort ist mehr der Anfang vom Schluss.

So tanze den Tanz der Erde,
sei Same der Erdenfrucht,
rede so, dass der Samen werde,
handle unerschrocken und ohne Furcht.

Empfinde beim Zeugen das Leben der Erde,
gebäre Erde, denn Erde berührt,
die Herzen, die sich in der Wahrheit vereinen,
haben immer aus dem Tal der Tränen geführt.

Webt das Tuch, das viele noch suchen,
ist aus eurem Licht, nur das berührt,
ist das Wort, gewebt aus Erdenfäden,
ist das eine Herz, das im Dunkel führt.

Zu dem Platz in eurem Herzen,
euer Licht die Quelle finden kann,
das Leben ist ein Kind der Wahrheit,
die Wahrheit ist ein neuer Anfang!

Erdengold

Tief in mir weiß ich,
es drängt in mir,
bin ein Mensch auf dieser Erde,
das Jetzt umschleicht meine Seele im Hier.

Da ist nichts mehr vom Glanz und vom Lichte,
als nackte Menschenhaut,
unaufhaltsam hält das pumpende Herz mich am Leben,
als ob die Erde mir bedingungslos traut.

Habe kein Gedanken mehr an das Gestern,
keinen Gedanken mehr an einen neuen Tag,
schemenhaft dämmert die Nacht mir,
lautlos schwindet die Kraft und öffnet den Weltensarg.

In ihn fällt ein alles Wollen und Wünschen,
fällt ein alle Angst und Materiefluch,
ich bin bereit zu handeln,
und zu lesen im Weltenbuch.

Ich habe mehr nicht zu geben,
als meine Seele, Blut, Stimme und Haut,
nur das kann ich mit dem Leben verweben
und meine Augen, die Geist geschaut.

Es zwingt mich nichts und niemand zu sein,
wie es in mir ist, und ich tu…
ein paar Tropfen Blut, als meinen besten Reim,
zur Heilung in den Erdenwebstuhl dazu.

Es hat keinen Grund und verlangt nichts,
mein Herzschlag ist die Trommel dazu,
es ist, als ob es bedankt sich
Erde, ich bin aus dem gleichen Stoff wie du.

Was auch geschieht, es möge geschehen,
der Berührung folgt ein leiser Ton,
ich könnte ihn niemals singen,
nur mein Blut kennt die Stimme davon.

Eine Stimme gar lautlos gesungen,
eine Ahnung, ein inneres Geheiß,
in mir nur Dank ist zu geben,
was ich tief in mir weiß!

So rufe ich es, was viele Namen
trägt und ist ein Mysterium,
es in mir weiß es ganz sicher,
es ist um mich und um alles herum.
Es ist das Ein- und Ausatmen,
und alles, was dazwischen ist,
es ist eine Melodie, ein Ton,
der niemals etwas vermisst.

Es ist es, in dem alles,
und ist alles zur gleichen Zeit,
schlafen kann die Zeit nicht,
es ist alles bereit.

Es ist das Andere und das Eine,
es ist wie der Tag und die Nacht,
das Weltenbuch im Mensch selbst ist,
es ist das Gold um Mitternacht!

 

Erdenbaum

Hat er mich gezeugt oder sie mich geboren,
stecken in den Vätern die Täter der Nacht,
mit was nur füttern die Mütter,
raubt nicht einer dem anderen die Kraft?

Folgen sie in dem „Vereinen“ dem Wahren,
wenn der Samen in des Kreises Mitte fällt,
wollen das Menschengeschlecht bewahren,
folgen ihren Trieben, und das Spiegelschwert fällt.

Menschenkinder, geraubt ihres Lichtes,
hängen nur an des Triebes Lust,
erleben in ihren Kindern die eigenen Schmerzen,
verlängern nur den eigenen Lebensfrust.

Sie kratzen, scharren und plärren,
versichern das Leben zu Tod,
vervielfältigen sich wie Kopien,
im Gleichschritt in elende Not.

Marschierend hängt der Mann immer am Weibe,
die er sich im Leben gesucht,
und füllt sie ihm ein, ihre geistige Bleibe,
sein Lebensziel ist damit gebucht.

Sie schönen, wohlfeilen, verfallen, die Frauen,
ihr Gesang nicht mehr die Erde berührt,
sie selbst sich nicht mehr trauen,
haben sich und die Erde verführt.

So reisen sie irrend, suchend und gieren,
ihr Erdentraum ist verschollen im Schein,
kopieren weiter wie unaufhaltsame Viren,
wenden sich ab vom Erdensein.

Die Menschen darben und nennen es Leben,
neigen sich zu jedem Emotionenfeld,
leben die Wünsche aus der anderen
und betten sich in intellektueller Welt.

Saugen die Felder der Angst und Verwirrung
tiefer und tiefer in sich selbst hinein
und singen das Lied der Materie,
die Erde erstickt an diesem Schleim.

Schon einmal sah ich ihre Gesichter,
damals schworen sie ein unendliches „nie“,
mehr werden wir wehen wie Fähnchen im Winde,
gebären nie mehr eine Frage mit „W“.

Keine Antwort sollte einer Frage folgen,
was das „Sein“ in jedem selbst weiß,
sie wollten sich nicht mehr verführen,
sie nannten jeden Preis.

Um einmal noch die Erde zu ehren,
um einmal noch ihre Mutter zu sehen,
eine Chance sich noch zu geben,
dem Materiefluch zu entfliehen.

Doch sie lernten wieder rechnen und lesen,
erfanden wieder die ein oder andere Zahl
und darbten wieder Fluch ihre Schwüre,
schon wieder begann diese Qual.
Sie verloren, ihren Geist zu zentrieren,

ihre Herzen und die Wahrheit als Ziel,
es ist schon wieder so weit gekommen,
es fehlt schon wieder nicht viel.

Doch ich glaube an das Wunder am „Morgen“,
auch wenn die Raubkopien an mir vorüberziehen,
denn eine Raupe kann sich entpuppen,
und als schönster Schmetterling fliegen.

Ich bin selbst eine Raupe,
und atme „Wahres“ in mich ein,
ich werde niemals mich ausruhen,
und mich entpuppen in das „Erdensein“.

Wir sind Sonne, Erde, endloses Meer,
die Tautropfen im Nebel der Gezeiten,
und wenn auch sonst etwas wär,
es ist, es ändern sich die Zeiten.

Unter den Trümmern des Menschengeschlechtes,
sehe ich immer noch den großen Traum,
vergraben seit Tausenden von Erdenjahren,
rieche ich immer noch den Erdenbaum.

Liegt er auch tief im sumpfigen Moore,
seine Güte und Liebe ewig strahlt,
sein Gesang dringt schon lange an meine Ohren,
der Baum erwacht zu einem neuen Tag.

So fahr mich, Fährmann, ich kenne die Wege,
schau bitte nie zurück,
es ist die Stelle am Lärchenhain,
ich habe es mit dem Feenauge erblickt.

So muss ich nackt sein und muss springen,
ins schwarze Moorentief,
mein Herz öffnet alle seine Schleusen,
ein einzig Wort, es rief und rief…

Nun findet meine Hand das Leben,
ist der Tod auch schon so nah,
ich fühle es, der Erdenbaum trägt immer noch Samen,
unbeschreiblich aber wahr.

Meine linke Hand kann einen Samen fassen,
und Wunder „samen“ Leben,
der erste neue Atemzug,
ich habe meinem Tod mein neues Leben gegeben.

Denn ich bin selbst, mein Tod, mein Leben,
bin es und du, und ich
gebäre in meinem Tod mein neues Leben,
„Leben“, ich liebe dich!

Gebäre im Leben meinen Tod
und freue mich auf die nächsten Wehen,
gebärt, ihr Frauen, die neue Erde,
ich kann sie heute schon sehen.

Erdenrot

Mein Blut scheint rot,
nah ist der Tod,
in mir ist ewig Leben,
die Haut wieder fahl,
ich sag es tausendmal,
hätte ich es nur gegeben.

Es fand mich doch
in meinem eigenen Joch,
aus Glimmer, Glanz und Possen,
es grinst der Schelm,
setzt mir auf den Helm
und lacht auch noch unverdrossen.

Der, der du so gerne bist,
war nur der Emotionen Trieb,
was du geliebt, war Schein und Schleim,
fällt durch das Erdensieb.

Lebst du den Schein, und nicht dein Blut,
so hört es niemals auf, dein Kopf ist leer,
dein Körper schwer, die Erde saugt ihn auf.

Schau es an, dein Blut, lass die Illusionen los,
es ist morgen, heute, gestern,
du kannst sie nennen, wie du willst,
nenne sie Freunde, Brüder, Schwestern.

Es schließen sich die Pforten deiner selbst,
du spürst im Schlund den Schleim,
so wie es nun zusammenläuft,
ist das, was bleibt, von deinem Sein.

Gehst wieder hin, dein Blut voll Schleim,
hast wieder nichts gegeben,
dein Herz scheint rot, fern ist der Tod,
ist in dir wirklich Leben?

Du wirst so lange, ich sag es dir,
die schleimigen Gassen gehen,
bis du den Schein zu Grabe trägst,
dich selbst wirst du dann sehen.

Ist nur dein letzter Tropfen rot,
fern ist das Erdenleben,
dein ganzes Blut war einmal purpurrot,
in dir wär wahres Leben!

Mein Blut ist rot, nah ist der Tod,
in mir ist ewig Leben, mein Licht nicht mehr fahl,
es leuchtet tausendmal, ich habe mich hingegeben.

Rot ist mein Blut, weiß ist mein Licht,
feuerrot die Kraft in meinem Ich,
gelb die Sonne, die in mir strahlt,
ich wählte das Leben, die Erde berührte mich!

 

Erdenfrage

Was mag die Nahrung der Erde dich fragen,
wenn sie nicht mehr zu dir kann,
bist du satt oder weise?

Was mag das Wasser der Erde dich fragen,
wenn es nicht mehr zu dir fließen kann,
bist du kein Gefäß mehr oder gefüllt?

Was mag der Wind der Erde dich fragen,
wenn er dir nichts mehr erzählen kann,
bist du selbst oder Geist?

Was mag das Feuer der Erde dich fragen,
wenn es dich nicht mehr wandeln kann,
bist du Schatten oder Licht?

Erdenweg

Wenn Augen sehen ohne reines Gefühl,
Worte gesprochen ohne wahren Klang,
Hände berühren ohne inneres Schauen,
wie wollen wir uns in das Leben trauen.

Wenn Worte singen und künden das Wahre,
die Schleier der Emotionen im Winde verwehen,
wenn unsere Augen ertasten das Klare,
unser Herz den Weg der Erde kann gehen.

Über die Schwellen der eigenen Mauern,
in das Erdenland so nah und doch so weit,
wenn wir uns wirklich trauen,
unser Herz wird singen, es ist die Zeit.

Wenn wir die Stimme der Erde hören,
tanzen wach unseren ewigen Traum,
singen das Lied der heiligen Erde,
singen die Melodie vom heiligen Baum.

Wir wissen von der Weisheit, vom Pflanzen,
von Wurzel und Stamm, der fest ist und trägt,
wir wissen um die Frucht des Ganzen,
wenn die Sonne mit Erde sich vermählt.

Wir sind, was wir bereit sind zu geben,
wir werden, was wir bereit sind zu sein,
wir wandern auf den Flügeln des Lebens,
wenn wir uns trauen, dann kommen wir heim.

Erdenfreund

Ich wusste, dass wir uns wiedersehen,
ich ahnte Ort und auch die Zeit,
ich wähnte den zu erkennen,
den ich kannte in einem anderen Menschenkleid.

Ich zitterte, als ich ihn plötzlich schaute,
kein Funke sprühte mehr aus seiner Haut,
wir gaben höflich uns die Hände,
mehr zu sagen hab ich mich nicht getraut.

Ich war traurig, was war geschehen,
in den Zwischenzeiten, irgendwo und irgendwann,
deine Herkunft ist noch zu sehen,
dein weiches Herz und auch dein Bann.

Den Bann hast du dir selbst gegeben,
nahmst Schwefel, Feuer, schwarze Nacht selbst in die Hand,
wohl wissend, dass es dich verzehrte,
und dich vertrieb aus deinem Heimatland.

So suchst du irrend seit Äonen,
triffst immer wieder die eigenen Dämonen,
doch braucht es eine einzig weiße Nacht
und ein Herz, das den verlorenen Mut zurückgebracht.

Nun springe und tanze, weiße Nacht,
nun webe, Licht, und web ganz sacht,
nun klinge, Ton, ganz leise und still,
nun atme, Leben, und flüstere „Ich will“.

Die Frage, wann ist weiße Nacht,
ist in dir drin verwoben,
berühre mit einer Hand die Erde,
die andere halte oben.

Knie nieder, öffne deiner Seele Schmerz,
der Wahrheit Füllhorn leert sich aus,
es gibt nur das eine Herz,
es ist dein Zuhaus!

Ich weiß, dass wir uns wiedersehen,
ich ahne Ort und auch die Zeit,
ich wähne, den zu erkennen,
den die weiße Nacht gebar in einem anderen Seelenkleid.

 

Erdheilung

Das Licht einer Nacht,
ein Samen in der Stille,
nicht ich, nicht du, nicht eins,
keine Forderung, kein eigener Wille.

Nicht mehr, nicht wenig, es sei,
es ist das „Sein“ und „Werde“,
nicht außen, nicht innen, im Geist,
ich erweise dir meine Ehre.

Nicht perfekt, nicht das Beste, doch mein Leben,
in dieser einen Nacht,
ist Samen in der Stille,
er kommt zu dir ganz sacht.

Es geschehe, es sei, es werde,
nun heile, Mensch, du andere Erde,
nun heile Erde – und werde.

Erdengedichte

Der Mensch kennt seine Quelle,
die Seele ihren Flug,
die Gedichte gießen Licht
in des Menschen Erdenkrug.

Du selbst wähltest deinen Namen,
deine Aufgabe, Erdenkind,
dein Ich erkennt die Dramen
beim Hören der Gedichte blind.

Die Töne tupfen Farben
ins eigne Seelengeflecht,
das Licht berührt die Narben,
trennt den Schein von dem, was echt.

Die Worte künden Wahres,
sanft steht ihr Klang Spalier,
sie komponieren Klares
als ihren Dank dafür.

Der Dichter, der muss reimen
aus tiefstem Menschenschlund,
erschrocken wird er weinen,
was sich ihm da tut kund.

Der Dichter, der muss reimen
aus weiter Ferne her,
seine Worte in dir singen,
was ist, wenn’s anders wär.

 

Solange unsere Seelen hier sind,
berühren diese Worte die Erde!
Vom Leben träumten wir den Schatten,
den zu werfen wir sehnten.

Das Licht in uns möge ihn loslassen,
damit der Traum unseres Menschenvolkes
wieder lebt !

Hubert Maria Dietrich